Auf den Beitrag: (ID: 8913) sind "46" Antworten eingegangen (Gelesen: 4130 Mal).
"Autor"

Papa 27.06.2003

Nutzer: presea
Status: Moderator
Post schicken
Registriert seit: 06.01.2003
Anzahl Nachrichten: 1291

geschrieben am: 01.03.2004    um 14:14 Uhr   IP: gespeichert
Mein Vater
(20.09.2003)
(in stillem Gedenken an meinen Vater, der im Sommer 2003 vertorben ist)



Ein Windstoß kommt durch das offene Fenster und wirbelt Papierseiten vom Tisch, lässt sie in der Luft tanzen und dann sanft zu Boden schweben. Vorzugsweise landen sie unterm Bett oder unter Schränken und stöhnend muss ich mich verrenken, um sie von dort wieder zu bekommen..
Ich sitze wieder am Fenster, schaue hinaus in den Sonnenschein, runzele die Stirn und frage mich wo der Wind herkommen mag. Versuche mich an einem Gedicht über meinen Vater und es ist, als hätte er mir die Seiten vom Tisch gepustet. Nichts will mir gelingen! Wieso ist es denn so schwer über seinen Vater zu schreiben? Die Worte, Gedanken wollen nicht aufs Papier. Trauer passt durch keine Tintenfeder. Sonst habe ich nur selten Probleme etwas wie gewollt auszudrücken. Sprache ist mehr als nur ein Medium zur Verständigung. Hier aber versagen meine Künste. Lese meine Entwürfe. Papierbälle werden aus ihnen, die langsam den Tisch erobern. Die Zeilen erscheinen mir entweder zu schwülstig oder zu banal, werden ihm nicht gerecht. Er war mehr als ich auszudrücken vermag. Versinke in Erinnerungen. Tausend kleine Bilder mit ebensoviel Geschichten und dem deutlichen Empfinden, erst langsam zu verstehen, was es bedeutet. Er ist nicht mehr da.
Ein Kämpfer war er, ein Genießer, ein Familienvater, ein Bastler und auch ein Freund. Erst heute weiß ich wirklich wie stark er war und ich frage mich, beim Blick hinaus in die Welt, ob ich die gleichen Kräfte hätte. Er kämpfte einen Kampf, den er nicht gewinnen konnte. Sein unsichtbarer Feind war heimtückisch und ließ ihm keine Chance. Trotzdem wirkte er stets voller Zuversicht, hatte Pläne und seinen trockenen Humor bewahrt. Wie mag es in ihm ausgesehen haben? Wie mag er gezweifelt und gehofft haben? Wann hatte er Angst?
Ich falte aus einem der Papiere ein Flugzeug. Genau so hatte es mir mein Vater als kleiner Junge gezeigt. Selten gelang es mir richtig gut. Jetzt fliegt es. Es segelt hinaus aus dem Fenster, schwingt sich durch die letzten Sonnentage des Spätsommers. Überlege was ich alles von meinem Vater weiß, an was ich mich erinnern kann, was er mir erzählt hat. Krame in meinen Erinnerungen und füge es, puzzlegleich, zusammen. Erzählungen von einer Endkriegskindheit, von Abenteuern, die wir uns heute nur noch schwer vorstellen können. Familiengeschichten. Untauglich für Gedichte und zu privat für Erzählungen.
Er fehlt mir. Jeden Tage, jede Stunde und die Traurigkeit sitzt so tief in mir, dass ich oft glaube an ihr ersticken zu müssen. Ich weiß, dass er bei mir ist. Es ist mehr als nur Glauben, mehr als Wunsch, als Illusion oder der Egoismus des Zurückgelassenen. Ich spüre es einfach. Ich höre ihn, wie er mich ermahnt, nicht den Papiermüll liegen zu lassen. Ich sehe, wie er dem Papierflugzeug ein Lächeln hinterher schickt.
Habe ich gelernt? Ja, ist meine Antwort. Ich habe gelernt, auch wenn es lange gebraucht hat und nicht immer deutlich wurde. Er hat mir vieles beigebracht und noch viel mehr mitgegeben. Ich war wohl selten der Sohn, den er sich gewünscht hatte. Es nagt an mir, obwohl ich weiß, dass ich in seinem Herzen war. Sehe das Leben und Probleme nun aus einem anderen Blickwinkel. Ich habe viel gelernt von meinem Vater, von meinem Freund und ich spüre, dass er es weiß.
Kein Gedicht, beschließe ich. Ich werde nicht versuchen diesen einzigartigen Menschen in wenige Zeilen zu pressen. Auch meine Gefühle, mein Schmerz, passen nicht hinein. Ich lasse sie frei, wie das kleine Papierflugzeug...

copy: mein Bruder

Einfache Leute haben die Arche gebaut - Fachmänner die Titanic
  Top
"Autor"  
Nutzer: presea
Status: Moderator
Post schicken
Registriert seit: 06.01.2003
Anzahl Nachrichten: 1291

geschrieben am: 27.06.2008    um 10:44 Uhr   IP: gespeichert
5 Jahre....

Eine kleine Ewigkeit.

Es ist wieder mal Freitag. Aber nicht irgendein Freitag, nein, dein Todestag fällt wie damals auf einen Freitag.
Wieder gehe ich die Uhrzeiten durch.... was war damals um diese Uhrzeit? Wie erging es uns da?
Wo warst Du?
Was ich heute machen werde? Ich werde meinen Jüngsten Sohn auf den Schoß nehmen, und ihm Bilder von Dir zeigen, wie so oft. Er ist drei jahre alt, und hat Dich nie gesehen.
Und auch unser nächstes Baby wird Dich nie gesehen haben.... nur Bilder, Erinnerungen, Worte, die vergänglich sind.

Papa, Du fehlst mir.
Du fehlst uns allen so sehr.


Einfache Leute haben die Arche gebaut - Fachmänner die Titanic
  Top
"Autor"  
Nutzer: presea
Status: Moderator
Post schicken
Registriert seit: 06.01.2003
Anzahl Nachrichten: 1291

geschrieben am: 27.06.2009    um 22:15 Uhr   IP: gespeichert
6 jahre.....

Nun kommt bald Dein zweiter Enkel auf die Welt, den Du nicht erleben kannst. Wenigstens unseren großen konntest Du ein wenig genießen.
Wir denken an Dich, Du fehlst uns immernoch so sehr......



Papa, ich hab Dich so lieb !
Einfache Leute haben die Arche gebaut - Fachmänner die Titanic
  Top
"Autor"  
Nutzer: presea
Status: Moderator
Post schicken
Registriert seit: 06.01.2003
Anzahl Nachrichten: 1291

geschrieben am: 27.06.2010    um 00:31 Uhr   IP: gespeichert
und wieder ist ein jahr vorbei.
Unser Jüngster fängt an zu stehen..... aber das siehst Du sicherlich. ich würde Dir so gerne so viel erzählen, und Deinen Rat hören, Dein Lächeln sehen und Deine Anwesenheit spüren.
Du bist immernochnicht ganz weg, manchmal, ..... ganz leise..... rede ich noch immer mit Dir.
Ich hoffe, Du hörst mich, wo immer Du bist.
Einfache Leute haben die Arche gebaut - Fachmänner die Titanic
  Top
"Autor"  
Nutzer: Metaxa
Status: Operator
Post schicken
Registriert seit: 08.05.2009
Anzahl Nachrichten: 726

geschrieben am: 27.06.2010    um 01:45 Uhr   IP: gespeichert
*drückt
~Lieber Hass, als gespielte Liebe~
  Top
"Autor"  
Nutzer: crawling
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 18.02.2010
Anzahl Nachrichten: 87

geschrieben am: 27.06.2010    um 23:31 Uhr   IP: gespeichert
Nur schwache Menschen wollen vergessen,
und nur solche vermögen es.


( Richard Voß )

,,Wir sind, was wir sind, ein einiges Naturell heldenhafter Herzen, durch Zeit und Schicksal geschwächt, aber willensstark zu streben, zu suchen, zu finden und nicht zu weichen."

(Tennyson, ,, Ulysses")


++++++++++++++++++++

In 2086 two peaceful aliens journeyed to Earth seeking our help. In return the gave us the plans for our first hyperdrive allowing mankind to open the doors to the stars!

We have assembled a team of unique individuals to protect Earth and our allies: courageous pioneers committed to the highest ideals of justice and dedicated to preserving law and order across the new frontier.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Soumise
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 18.08.2009
Anzahl Nachrichten: 10

geschrieben am: 28.06.2010    um 06:10 Uhr   IP: gespeichert


Hallo Presea,

Ich habe auch gerade alle Beiträge gelesen und kann sehr gut nachvollziehen, welche Gedanken durch deinen Kopf gehen und wie du fühlst, wenn du an deinen Vater denkst. Ich selbst habe meinen Vater letztes Jahr auf sehr tragische Art und Weise verloren. Es schmerzt sehr und es wird auch nie wieder aufhören. Allerdings ist dieser Schmerz etwas besser zu bewältigen, wenn man die jeweilige Person immer in guter Erinnerung behält und die schönen Momente nie vergisst.

Ich wünsche Dir und deiner Familie weiterhin viel Kraft.

Liebe Grüße,
Sou
  Top
Counter
[ kostenlose Online Spiele ] [ Professionelles Übersetzungsbüro mit Muttersprachlern ] [ Preisvergleich ]